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Ruhmreiche Sportler: Bianca Vogel - eine Pionierin im Dressurviereck

Wenn Bianca Vogel über ihre sportliche Karriere spricht, dann tut sie dies mit einer großen Bandbreite an Gefühlen: leidenschaftlich, freudig, stolz und immer noch kampfeslustig. Gelegentlich wirkt sie aber auch nachdenklich und frustriert. Über 20 Jahre lange gehörte Vogel zu den besten Para-Reiterinnen der Welt und errang große Erfolge bei Weltmeisterschaften und Paralympischen Spielen in der Dressur. Gleichzeitig war der Weg der Sinzigerin voller Hindernisse.
Bianca Vogel beim Training mit ihrem erfolgspferd Roquefort. Das einzige Hilfsmittel der Sinzigerin war eine verlängerte Zügelführung.
Bianca Vogel ist eine von circa 5000 Personen, die im Rahmen des größten Arzneimittelskandals der deutschen Geschichte durch das schadhafte Schlafmittel Contergan Missbildungen erlitten. Reiten bedeutete für sie Freiheit und Selbstständigkeit: „Auf dem Pferd bin ich der Pilot. Sonst bin ich auf Hilfe angewiesen, aber im Sattel konnte ich selbst bestimmen.“ Den ersten Kontakt mit Pferden hatte die Sinzigerin während einer Therapie als Kind. Ab diesem Moment war die kleine Bianca vom Pferdevirus infiziert: „Das Zusammenspiel mit einem Lebewesen ist eine wunderbare Sache.“ Direkt meldete sie sich in einem Stall an. Weil die Eltern zuerst dagegen waren, unterschrieb ihre Oma die Einwilligungserklärung. Schritt für Schritt lernte Vogel das Pferd selbstständig zu lenken. Später wurde sie von Reiterkameraden animiert, ihre ersten Wettkämpfe zu reiten. Schnell entwickelte die Jugendliche großen Ehrgeiz.
Vom Regelsport zur ersten Weltmeisterin Zunächst trat Vogel jahrelang auf normalen Wettkämpfen an. Die gleichberechtigte Konkurrenz mit Nichtbehinderten lag der Sinzigerin am Herzen. Der Kampf um Akzeptanz bedeutete für Bianca Vogel auch, bei den Kampfrichtern zu protestieren, wenn sie meinte, wegen ihrer Behinderung bevorteilt zu werden. „Wenn ich Ungerechtigkeit sehe, muss ich dagegen angehen“, beschreibt Vogel ihre Haltung. Als man ihr zum ersten Mal vorschlug, an einem Behinderten-Wettkampf teilzunehmen, kratzte das zunächst an ihrem hart erkämpften Stolz. Zum Glück ließ sie sich zur Teilnahme überreden, denn auf dem Turnier traf sie Dr. Susi Fieger, eine Pionierin im Para-Reitsport. Fieger schlug vor, ein Schauprogramm auf dem renommierten Wiesbadener Pfingstturnier vorzuführen. Vogel war von der Idee, den Behindertensport zu repräsentieren, begeistert: „Ich wollte zeigen, dass körperbehinderte Menschen in der Lage sind, eine saubere Dressur zu reiten und förderungswürdig sind.“
Kurz darauf konnte sich Vogel für die ersten Weltmeisterschaften für behinderte Reiter qualifizieren. Damals wurden bei allen großen Wettkämpfen die Pferde zugelost, was für die Reiter eine extra Herausforderung bedeutete. Nach einem guten Los und einem einwandfreien Wettkampf konnte sie sich die damals 30-jährige zur ersten Dressur-Weltmeisterin im Einzel und im Team krönen. Erinnert Vogel sich heute zurück, mischt sich der Stolz über die Leistung mit der Enttäuschung über die geringe Würdigung: „Die einzige Förderung, die wir damals erhalten haben war ein Jogging-Anzug.“ Neben Akzeptanz mussten Behindertensportler auch um ihre Finanzierung kämpfen. Sponsoren waren rar gesät und staatliche Förderung kaum vorhanden. Bei einem kostenintensiven Sport wie Reiten wurde es für Vogel zur Herausforderung, den Olympischen Zyklus zu überbrücken: „Ich hatte manchmal keine Kraft mehr, gleichzeitig den Sport und meinen Beruf als Erzieherin zu bewältigen.“
Eine positive Tendenz Gleichzeitig beobachte Vogel, wie sich der Behindertensport im Laufe der Jahre professionalisierte und Medien sowie Zuschauer mehr Interesse zeigten. Eine Entwicklung, an der sie sie sich nicht ganz unbeteiligt sieht: „Ich bin stolz, eine der Pionierinnen gewesen zu sein. Für die neue Generation haben wir Türen geöffnet, die vorher verschlossen waren. Die Tendenz ist klar positiv.“ Diese Entwicklung erlebte Vogel auch bei den Paralympischen Spielen. 1996 erfüllte sie sich mit der Qualifikation für Atlanta einen Traum. Deswegen war auch der achte Rang für sie keine Enttäuschung: „Die Teilnahme war für mich schon wie ein Sieg.“ Die Rahmenbedingungen waren dagegen desillusionierend: Manche olympische Stadien wurden während den Wettkämpfen schon abgerissen und die Kantine im Olympischen Dorf war so überlastet, dass die Athleten manchmal ohne Mahlzeit zu den weit entfernten Ställen fahren mussten.
Der Kontrast zu den Spielen in Sydney 2000 hätte nicht größer sein können. „Man hat damals noch zusätzlich Dinge verbessert, die bei den Olympischen Spielen fehlten. Als wir auf die Straße gingen, haben uns die Leute erkannt. Man wurde gefeiert wie ein normaler Sportstar“, schwärmt Vogel. Dieses Mal reiste sie als Mitfavoritin an. Im Jahr vor Sydney wurde Vogel nämlich am Ort ihres ersten Triumphs in Dänemark erneut dreifache Weltmeisterin. Aber während der entscheidenden Kür bei den Spielen, startete ein Hubschrauber vom benachbarten Militärflugplatz - und ihr Pferd drehte durch. Für Vogel reichte es nur für Platz zehn in der Kür und Rang sechs in der Mannschaft.
Frust und Freude in Athen Vier Jahre später sah Vogel die Chance auf eine Paralympische Medaille endlich gekommen. Zum ersten Mal durften die Reiter mit eigenen Pferden starten und mit „Roquefort“ besaß Vogel das beste Pferd ihrer Karriere: „Rocky war eine Persönlichkeit für sich, er war ein echter Arbeiter.“ Die Reise nach Athen begann allerdings unter schlechten Bedingungen. Vogel plagten Hüftprobleme, verursacht durch die Missbildungen. Um ihre Chancen zu wahren, verschob sie eine Operation bis nach den Spielen. Vor Ort durchlitt die Sportlerin schlimmste Schmerzen: „Ich habe in Athen keine einzige Nacht geschlafen, saß teilweise im Rollstuhl. Vor den Starts spritzte man mir Luft in die Hüfte.“ Doch der Ehrgeiz und Wille, endlich eine Medaille zu gewinnen, trieben Vogel weiter. Die Wettkämpfe selbst glichen einer beispiellosen Achterbahnfahrt.
Gleich im ersten Einzelwettkampf konnte Vogel sich ihren Traum erfüllen und die Silbermedaille gewinnen. Die Siegerehrung war ein unvergesslicher und emotionaler Moment für die Sinzigerin. In der folgenden Kür rechnete sie sich noch größere Chancen aus, die Goldmedaille schien in Reichweite. Doch mitten in der Prüfung machten ihr die Schmerzen einen Strich durch die Rechnung, sie musste abbrechen. Eine tiefe Enttäuschung, auch weil sie danach intern als Versagerin dargestellt wurde. „Es war eine beschissene Situation“, resümiert Vogel ganz unverblümt, „in einem Team ist leider nicht immer alles rosig“. Trotzdem zögert sie nicht lange und stellte ihren Rocky zur Verfügung, als das Pferd einer Teamkollegin plötzlich erkrankte. So konnte Roquefort eine Medaille mehr gewinnen als seine Besitzerin. Zum Abschluss errang Vogel mit dem Team noch eine weitere Silbermedaille. Eine Wiedergutmachung für alle Torturen. Die Erinnerungen an die größten Momente ihrer Karriere bleiben trotzdem bittersüß.
Ein unfreiwilliges Karriereende Zwar erhoffte sich Vogel noch einen Start bei den Paralympics in Peking, doch ihr Erfolgspferd Rocky hatte zu diesem Zeitpunkt seinen Zenit bereits überschritten. Und auch bei der Reiterin häuften sich die gesundheitlichen Probleme. 2010 muss sie die Reißleine ziehen und den Sport für immer beenden. Das Reiten habe ihr viel gegeben, so Vogel. Aber die Gesundheit stehe doch über dem Sport: „Ich weiß, dass der Rollstuhl auf mich wartet, aber noch nicht jetzt! Jetzt ist noch Zeit für ein bisschen Lebensqualität.“
Die Athletin fühlte sich in dieser Zeit fallen gelassen: „Ich war lange in einem Loch der Traurigkeit. Nicht nur weil ich nicht mehr starten konnte, sondern auch, weil ich das Gefühl hatte, nicht mehr gebraucht zu werden.“ Vogel überwindet ihr Tief, indem sie im Kampf für Contergan geschädigte einen neuen Lebensinhalt findet. Im Rahmen des Dokumentarfilms „Nobody's perfect“ ließ sie sich im Akt fotografieren und 2013 kämpfte sie im Bundestag erfolgreich für die Erhöhung der Contergan-Rente. Für andere Sportler wünscht sie sich dennoch mehr Unterstützung: „Wir alten Hasen sind doch da und haben Erfahrung. Warum zieht man uns nicht heran, um den Jüngeren zu helfen?“ Mit ihrer eigenen Laufbahn hat Vogel trotz aller Schwierigkeiten Frieden geschlossen: „Ich bin absolut stolz auf meine Leistung, es war eine tolle Zeit.“ Felix Schönbach
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