Mit einer gemeinsamen Kraftanstrengung den Mitgliederrückgang aufhalten

SBR-Geschäftsführer Martin Weinitschke nimmt Stellung zur aktuellen Bestandserhebung und zu möglichen Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Sportvereine und Fachverbände

SBR-Geschäftsführer Martin Weinitschke sieht den organisierten Sport angesichts der Corona-Krise vor großen Herausforderungen. Foto: W. Höfer

Derzeit sind 615.716 Mitglieder in 3.047 Vereinen des Sportbundes Rheinland gemeldet. Dies geht aus der Bestandserhebung 2020 hervor. Dies bedeutet ein Rückgang gegenüber dem Vorjahr um 3.392 Mitglieder (-0.55 %). Damit setzt sich der Abwärtstrend der vergangenen Jahre fort. Auffallend in der Statistik 2020: Die Verluste an Mitgliedern sind zu großen Teilen in den Abgängen aus den großen Fachverbänden Fußball (-2.398 Mitglieder) und Leichtathletik (-1.675 Mitglieder) begründet. Wie ist das Zahlenwerk zu deuten? Wir unterhielten uns darüber mit SBR-Geschäftsführer Martin Weinitschke.

Herr Weinitschke, fast jede dritte Person im Rheinland hat seine sportliche Heimat in einem Sportverein. Sehen Sie die Spitzenposition des organisierten Sportes angesichts der Mitgliederrückgänge der vergangenen Jahre mittel- und langfristig in Gefahr?

Weinitschke: Der schleichende und nun seit über 15 Jahren anhaltende Prozess kleiner jährlicher Mitgliederrückgänge hat unser Präsidium dazu veranlasst, das Thema Mitgliederentwicklung in diesem Jahr in den Fokus zu rücken, damit für den organisierten Sport keine Gefahr daraus erwächst. Das kommt auch in unserem Jahresmotto „Mehr Verein im Sport“ zum Ausdruck. Wie viel wir als Sportbund gegebenenfalls mit den Fachverbänden und vor allem den Vereinen an dieser Entwicklung direkt ändern können, wird sich zeigen. Indirekt können wir unseren Einfluss insofern geltend machen, dass sich die Rahmenbedingungen für die Sportvereine und ihre Mitglieder verbessern. Ein wichtiger Baustein in dem Prozess der Mitgliederentwicklung ist auch die Befragung der Vereine durch Professor. Dr. Lutz Thieme und Sören Wallrodt. Die Ergebnisse der Studie können für uns und unsere Vereine als Richtschnur unseres Handelns dienen (wir berichteten).


Diese Grafik zeigt Zuwachs und Abnahmen der Mitglieder in den Altersgruppen getrennt nach Geschlecht im Jahr 2020 im Vergleich zu 2019. Grafik: M. Hormel.

„Mehr Verein im Sport“, steckt da noch mehr dahinter?

Wir beobachten schon seit langem, dass in unserer Gesellschaft eine Menge Sport und Bewegung stattfindet. Wir werben dafür, dass die Nachhaltigkeit und Qualität dieses Sporttreibens ganz eindeutig höher ist, wenn das im Verein stattfindet. Deshalb: „Mehr Verein im Sport!“

Vereine, die auf klassischen Mannschafts- und Wettkampfsport spezialisiert sind, haben offenbar die größten Probleme, ihre Mitglieder zu halten. Wie kann man dem entgegensteuern?

Dies sollte man differenzierter betrachten: Die Beteiligung am Wettkampfbetrieb geht tendenziell mit steigendem Alter der Jugendlichen zurück. Und genau in diesen Altersklassen haben wir einen sehr hohen Organisationsgrad, aber auf der anderen Seite seit Jahren Mitgliederverluste, die weitgehend demographisch bedingt sind. Diese Kombination bringt besonders in diesem Bereich aktiven Vereinen quasi automatisch einen Mitgliederverlust. Da in dieser Altersgruppe bald wieder Jahrgänge hineinwachsen, die geburtenstärker sind, wird sich der Mitgliederrückgang in diesem Bereich wahrscheinlich abschwächen und möglicherweise umkehren. Aktiv gegensteuern sollte man eher mit Mitgliederbindungs- als mit Mitgliedergewinnungsprogrammen. Ich glaube, dass hier die Fachverbände und die Spitzenfachverbände die Vereine am besten unterstützen können.

 

Die Mitgliederentwicklung im Sportbund Rheinland im Laufe von 70 Jahren. Der höchste Mitgliederstand war im Jahr 2002 zu verzeichnen. Momentan befinden wir uns ungefähr auf dem Niveau von 1993 (618.432 Mitglieder). Grafik: M. Hormel

Größere Vereine mit professionellen Strukturen und einem umfassenden Angebot können sich hingegen über Mitgliederzuwächse freuen. Wird sich die Vereinslandschaft im Rheinland ändern und müssen traditionelle Vereins- und Verbandsstrukturen hinterfragt werden?

Diese Frage lässt sich für uns noch nicht eindeutig beantworten. Wir erhoffen uns hier wertvolle Hinweise aus der bereits angesprochenen Studie in Zusammenarbeit mit der Hochschule Koblenz. So haben wir auch im Bereich der Vereine über 1.000 Mitglieder durchschnittlich keine Zuwächse, wenngleich sich einige Großvereine über mehr Mitglieder freuen können.

Die Corona-Krise wird dem organisierten Sport womöglich noch über Jahre zusetzen. Wie kann eine Vereinssterben, wie es derzeit schon vorhergesagt wird, aufgehalten werden?

Das erste, was wir vermutlich erleben werden, ist kein Vereinssterben, sondern ein beschleunigter Mitgliederrückgang. Da drängt sich die Frage auf: Wie können wir die Vereine in ihrer Funktions- und Leistungsfähigkeit unterstützen. In einigen Bundesländern gibt es von den Landesregierungen erste Programme, die offensichtlich genau dieses Ziel verfolgen. Auf dieser Basis könnte dann natürlich auch ein positiver Effekt für die Sportvereine entstehen, indem die Menschen in wirtschaftlich schlechteren Zeiten qualitativ gute Angebote zu moderaten Mitgliedsbeiträgen anderen Angeboten vorziehen. Zudem können Krisenzeiten auch zu einem Zusammenrücken von Menschen führen. Solidarität und Gemeinschaft kann wieder mehr an Bedeutung gewinnen. Genau diese Stärken zeichnet die Vereinslandschaft im Rheinland aus. Die gesellschaftlich wichtige Funktion der Vereine wird oft in politischen Reden – auch sportpolitischen – hervorgehoben. Um es noch einmal zu betonen: Um die damit zusammenhängenden Aufgabe auch künftig erfüllen zu können, benötigen die Vereine nachhaltige Hilfen, die mittel- und langfristig die Folgen der Krise zu bewältigen helfen.

Sie hatten es bereits angesprochen: Der Sportbund Rheinland hat eine Studie zur Mitgliederentwicklung im Rheinland bei der Hochschule Koblenz im Auftrag gegeben. Deren Daten wurden allerdings vor der Corona-Krise erhoben. Hat die Studie überhaupt noch einen Wert?

Dessen bin ich mir sicher! Die grundsätzlichen Zusammenhänge, was zu Mitgliederentwicklungen führt, werden sich nicht substanziell verändern. Die Krise kann als Beschleuniger wirken oder – wie Volkswirte sagen würden – als exogener Schock. Wir werden mit unseren Vereinen und Verbänden die Ergebnisse analysieren. Wir werden mögliche Maßnahmen mit den Experten Professor Lutz Thieme und Sören Wallrodt diskutieren. Vermutlich werden diese Maßnahmen über das Tätigkeitsfeld der SBR-Management-Akademie, in der die Studie gemeinsam mit dem RheinAhrCampus konzipiert wurde, hinausgehen. Über Maßnahmen, die bedeutsam sind, werden wir sicher in Präsidium entscheiden und einige Überlegungen auch in unsere Gespräche mit den Sportbünden Pfalz und Rheinhessen sowie dem Landessportbund einbringen. Mit einer gemeinsamen Kraftanstrengung sollte es uns gelingen, den Mitgliederrückgang aufzuhalten.

Wie bewerten Sie die Bereitschaft der Vereine, gemeinsam mit dem Sportbund diesen Prozess weiter voranzutreiben?

Sehr groß, denn die Studie zeigt, dass offenbar Handlungsbedarf besteht. An dieser Stelle gilt ein ganz besonderer Dank den über 1.000 Vereinen, die mit ihrer Beteiligung eine empirische Untersuchung dieser Größenordnung überhaupt erst ermöglich haben. Dass wir mit Lutz Thieme einen ausgewiesenen Experten für eine solche Thematik haben, ist ein Glücksfall. Barbara Berg ist auf Seiten des SBR Garant dafür, dass am Ende auch ein Praxistransfer entsteht. Genau diese personelle Konstellation hat übrigens vor acht Jahren zu einer Studie zu den Sportstätten im Rheinland geführt, die eine ähnlich hohe Beteiligung hatte und größtenteils heute noch Gültigkeit besitzt.

Was wird der Sportbund Rheinland noch tun, damit seine Vereine gestärkt aus der Corona-Krise gehen?

In der ersten Phase der Krise ist es uns gelungen, meist tagesaktuell Informationen weiterzugeben und unsere Vereine zu den wichtigsten Fragen zu informieren. Mit Beginn der Lockerungen haben wir viele Vereine in der Auslegung der jeweils aktuellen Corona-Verordnung beraten. Außerdem ist es wichtig, dass alle Zuschuss-Systeme von den Vereinen genutzt und von uns schnell bearbeitet werden. Die Vereine sind nicht untätig, nur weil der Sportbetrieb weitestgehend geruht hat. Von unserer Seite aus werden in Kürze die Übungsleiterzuschüsse und die Jubiläumszuwendungen ausgezahlt, ungeachtet dessen, ob eine Veranstaltung stattgefunden hat oder nicht. In der Phase der Wiederaufnahme der meisten Vereinsangebote mit den entsprechenden Einschränkungen und Vorgaben der Landesverordnungen wird es möglicherweise zu verminderten Einnahmen und erhöhten Ausgaben der Vereine und Fachverbände kommen. Um diesen erhöhten Finanzbedarf geltend zu machen, werden wir als Teil des Landessportbundes unsere Aufgabe als Lobbyist gegenüber der Politik wahrnehmen.

Das Interview führte Wolfgang Höfer