Der Sportbund Rheinland macht die Mitgliederentwicklung zum zentralen Thema

Interview mit SBR-Geschäftsführer Martin Weinitschke zur Bestandserhebung 2019 / Wissenschaftliche Studie in Auftrag gegeben

618.432 Mitglieder sind derzeit in 3.083 Vereinen des Sportbundes Rheinland vertreten. Demnach ist fast jede dritte Person im nördlichen Rheinland-Pfalz Mitglied in einem Sportverein. Dieses Ergebnis zeigt die Bestandserhebung 2019. Danach sind die Mitgliederzahlen gegenüber dem Vorjahr um 4.550 gesunken, was einen Rückgang um 0,73 Prozent bedeutet. Ein Blick auf die einzelnen Altersgruppen zeigt ein sehr differenziertes Bild (siehe Graphik). Wie sind diese Zahlen zu interpretieren? Wie wird der Sportbund Rheinland darauf reagieren? Wir unterhielten uns darüber mit SBR-Geschäftsführer Martin Weinitschke.  

Seit zehn Jahren gehen die Mitgliederzahlen im Sportbund Rheinland kontinuierlich geringfügig zurück. Wie bewerten Sie diese Entwicklung? Ein Grund zur Besorgnis?

Weinitschke: Der moderate Rückgang der Mitgliederzahlen trifft uns sicherlich nicht ins Mark, aber er sollte uns zu denken geben. Positiv ist zunächst, dass immer noch rund ein Drittel der Bevölkerung in unseren Vereinen vertreten ist, und dass dieser Organisationsgrad über die Jahre stabil geblieben ist. Darum beneiden uns andere Interessenverbände im Land. Wichtig ist aber auch, aus den vorliegenden Zahlen die richtigen Schlüsse zu ziehen. Daher wird der Sportbund Rheinland das Thema „Mitgliederentwicklung“ zum Jahresmotto 2020 ausrufen. Hierzu gibt es schon jetzt diverse Überlegungen und Aktivitäten.

Kinder und Jugendliche sind die Zukunft der Sportvereine. Besonders im Alter zwischen 15 und 18 Jahren kehren viele Jugendliche dem Verein den Rücken. Von 2018 bis 2019 waren es 2.180 weniger Mitglieder – ein Rückgang von 4,8 Prozent in einem Jahr. Wo liegen die möglichen Ursachen?

Diese Entwicklung erkennen wir in dieser Deutlichkeit etwa seit sechs Jahren. Sie ist fast ausschließlich auf die geburtenschwachen Jahrgänge im Zeitraum von 2000 bis 2012 zurückzuführen. Daher haben wir hier die Talsohle noch nicht durchschritten.  Aus diesem Grund ist auch der Organisationsgrad in dieser Altersgruppe in den letzten Jahren nicht nennenswert gesunken. Unsere Vereine und Fachverbände stellen sich mit all ihren Möglichkeiten, zum Beispiel mit Regeländerungen, kleineren Mannschaften oder der Bildung von Spielgemeinschaften auf diese Gegebenheiten ein. Richtig ist aber auch, dass der Organisationsgrad im Alter von 10 bis 12 Jahren wesentlich größer ist. Erst danach kommt es zu vielen Austritten. Gründe dafür sind sicherlich auch gesellschaftliche Entwicklungen, wie zum Beispiel die Digitalisierung, die Ganztagsschulen, aber auch Sportangebote außerhalb unserer Organisation. Die zentrale Herausforderung wird sein: Wie schaffen wir es, Jugendliche weiterhin an den Verein zu binden, nachdem sie das Kindesalter überschritten haben?

Jedes fünfte Mitglied in SBR-Vereinen ist älter als 60 Jahre. In dieser Altersgruppe hat der Sportbund Rheinland seit Jahren Zuwächse zu verzeichnen. Welche Bedeutung hat der Seniorensport für die Vereine auch angesichts des demographischen Wandels?

Wenn man bedenkt, dass die so genannten Babyboomer erst in zehn Jahren in dieser Altersgruppe vollständig abgebildet sind, wird deutlich, wie die Bedeutung des Seniorensports noch zunehmen wird - eine Steilvorlage für die Vereine. Viele unserer Vereine haben das erkannt und sind dabei richtig gut! Der Sportbund Rheinland trägt nach seinen Möglichkeiten im Bereich der Qualifizierung und mit Impulsen zur Angebotsgestaltung dazu bei, dass der Seniorensport die ihm angemessene Bedeutung erhält. Hier gilt es, weit über den Tellerrand hinaus zu schauen. Denn das Lebensgefühl der über 60-Jährigen ist ein anderes als vielleicht noch vor 15 Jahren. Viele sind fit, haben ambitionierte sportliche Ziele und wollen nicht zum alten Eisen gehören. Aber auch für diejenigen, deren Vita bisher nicht mit Sport und Bewegung verknüpft war, müssen wir entsprechende Anreize schaffen. Insofern müsste der Begriff „Seniorensport“ mehr ausdifferenziert werden. In der Angebotsgestaltung und Qualifizierung sollten wir immer die aktuelle Lebensumstände unser Mitglieder im Blick haben. Dies gilt natürlich auch für alle anderen Altersgruppen.

Hat der Sport im Land nicht auch ein strukturelles Problem? Fast die Hälfte aller SBR-Vereine - 44,7 Prozent - haben weniger als 100 Mitglieder und bilden nur elf Prozent aller Mitglieder ab. Sind diese Vereine den Anforderungen an einen modernen Sportverein noch gewachsen?

Das Rheinland ist weitgehend ländlich strukturiert. Insofern ist der Anteil der kleineren Vereine verglichen mit anderen westlichen Bundesländern sehr groß. Aber gerade diese Vereine leisten Enormes für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, sie wirken an Ort und Stelle identitätsstiftend. Da Identität zu Engagement führen kann, sind kleinere autonome Einheiten in einem ehrenamtlich geprägten Bereich nicht die schlechteste Lösung. Das Präsidium des Sportbundes Rheinland hat sich speziell mit der Situation der kleinen Vereine befasst und dafür gesorgt, dass sie Zugang zu allen Fördersystemen haben. Aber natürlich unterstützen wir auch solche Vereine, die Fusionen mit einem Mehrwert für die Mitglieder anstreben. Wenn Vereine diesen Weg gehen wollen, gelingt ihnen das in aller Regel. Von außen kann man das aber nicht verordnen.

Blicken wir auf die Großvereine. Erfreulich hier, alle sechs Vereine mit mehr als 2.000 Mitgliedern haben gegenüber dem Vorjahr Zuwächse zu verzeichnen. Zufall – oder gibt es dafür plausible Erklärungen?

Unsere Großvereine - und das sind nicht nur diese sechs - entwickeln sich in den letzten zehn bis 15 Jahren gegen den Trend stabil, größtenteils wachsend. Das ist in anderen Regionen Deutschlands noch ausgeprägter. Großvereine sind in der Regel Mehrspartenvereine. Sie können leichter neue Angebote schaffen, oder gar eine neue Abteilung eröffnen. Großvereine arbeiten oft sehr professionell und haben einen oder mehrere hauptamtliche Mitarbeiter beschäftigt. Die Verwaltung des Vereins und das Mitgliedermanagement sind vergleichbar mit dem eines kleinen Dienstleistungsunternehmens. Aber es gibt auch viele kleinere Vereine, die sehr professionell arbeiten.

Anders als bei den Großvereinen sieht es in den großen Fachverbänden aus. Die Fußballer und Leichtathleten beklagen Austritte. Wie kann dem entgegengesteuert werden? Und was kann der Sportbund Rheinland als Dachverband dazu beitragen?

Die Gründe für diese Entwicklung sind sehr vielschichtig. Fachverbände mit einem hohen Anteil an Jugendlichen werden wohl eher Mitglieder verlieren, solche mit einem hohen Anteil älterer Mitglieder werden kurzfristig eher wachsen, allein aufgrund der demografischen Entwicklung. Die Entwicklung ihrer Sportarten können die Fachverbände selbst viel besser beurteilen und steuern. Unser Beitrag als Dachverband sollte aber sein, dass wir uns für eine angemessene Finanzausstattung einsetzen. Der Landessportbund und seine Sportbünde haben im letzten Gespräch mit Sportminister Lewentz unter anderem eine Erhöhung der Mittel für die Fachverbände gefordert. Denn ein Verband mit einer soliden Finanzausstattung muss keine Beitrags- oder Gebührenerhöhungen bei den Vereinen geltend machen.

Die Interpretation der Mitgliederentwicklung des Sportbundes Rheinland ist zunächst einmal Ihre eigene. Woher nehmen Sie die Gewissheit, dass Sie mit diesen Aussagen richtig liegen?

Eine Gewissheit im Sinne eines Beweises gibt es sicher nicht. Ich habe jedoch viele Indizien, die meine Aussagen stützen. Da sind neben unseren eigenen Daten und denen anderer Sportorganisationen der Sportentwicklungsbericht auf Bundes- und Landesebene. Da sind die Einschätzungen von Experten im Bereich Vereinsforschung, wie zum Beispiel der Professoren Eike Emrich oder Lutz Thieme, und nicht zuletzt engagiere ich mich selbst im Verein und Fachverband. Hinzu kommen Gespräche mit diversen Vertretern der Vereine und Verbände. Um eine noch bessere Einschätzung über die Thematik der Mitgliederentwicklung im Sportbund Rheinland zu bekommen, haben wir bei der Hochschule Koblenz eine Untersuchung in Auftrag gegeben. Deren Ergebnisse werden in unseren Jahresschwerpunkt 2020 Eingang finden.

Das Interview führte Wolfgang Höfer

Eine detaillierte Darstellung der Bestandserhebung 2019 des Sportbundes Rheinland finden Sie in der Rubrik Sportbund.

Die statistische Zusammenfassung des Landessportbundes Rheinland-Pfalz finden Sie hier.

SBR startet online-Befragung zur Mitgliederentwicklung

60 Prozent der Sportvereine in Rheinland-Pfalz bezeichnen die Bindung und Gewinnung von Mitgliedern als mindestens „mittleres Problem“, jeder vierte Sportverein sogar als „großes“ oder „sehr großes Problem“ und für fünf Prozent ist das Problem der Mitgliedergewinnung sogar „existenzbedrohend“. Dies geht aus dem Sportentwicklungsbericht 2017 hervor. Dabei ist die Entwicklung der Sportvereine allerdings durchaus unterschiedlich: Einige können ihre Mitgliederzahlen steigern, andere nicht.

Der SBR möchte dem weiter auf den Grund gehen und startet im September in Zusammenarbeit mit der Hochschule Koblenz eine Online-Befragung bei den 3100 Mitgliedsvereinen. Erfragt werden unter anderem die innere Struktur und Arbeitsabläufe des Vereins, dessen Bedeutung und Wahrnehmung im gesellschaftlichen Umfeld sowie die infrastrukturellen Rahmenbedingungen unter denen der Verein agiert.

Ziel der wissenschaftlichen Studie ist es, konkrete Faktoren für die Mitgliederentwicklung der rheinländischen Vereine zu ermitteln. Diese sollen dann in einem Forum vorgestellt werden. „Wir wollen den Vereinen konkrete Handlungsempfehlungen für die Mitgliedergewinnung und -bindung geben“, erklärt die Leiterin der SBR Management-Akademie, Barbara Berg. Dies könne zum Beispiel auch in Form von standardisierten Vorstandsklausuren geschehen.