Die zwei "Goldjungen" aus der Bad Kreuznacher Kunstturnriege

Konrad Frey am Pauschenpferd bei bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin. Auf diesem Gerät sichert er sich ebenso wie am Barren und im Mannschaftsmehrkampf Gold. Quelle: Ullstein Bild

Ruhmreiche Sportler Teil 16: Konrad Frey wurde 1936 in Berlin dreifacher Olympiasieger / Für den sechsfachen deutschen Meister Jakob Kiefer begann nach Kriegsende eine große Karriere

Im August 1936 machte sich eine kleine Delegation aus Bad Kreuznach auf den Weg zu den Olympischen Spielen in Berlin. Teil dieser Reisegruppe war auch ein junger Nachwuchsturner namens Jakob Kiefer. Der 16jährige Kiefer hatte sein erspartes Geld geopfert, um seinen Vereinskameraden Konrad Frey anzufeuern. Frey, der Ausnahmeturner des MTV Bad Kreuznach, kämpfte auf der Berliner Waldbühne vor 25.000 Zuschauern um olympische Medaillen.

Freys Olympische Kür

Für Frey war Olympia der Höhepunkt seiner noch jungen Karriere. Zwei Jahre zuvor nahm der dreimalige deutsche Meister erstmals an der Weltmeisterschaft in Budapest teil. Beeindruckt vom hohen Niveau der Titelkämpfe, arbeitete der gelernte Schlosser Frey akribisch daran, seine Kür zu perfektionieren. Stundenlang analysierte und feilte er mit seinen Trainingskameraden an den Übungen, teilweise unter Einsatz von Foto oder Videomaterial. Die Belohnung für diese Mühe war das Ticket für die Heimspiele in Berlin. Durch die Unterstützung seines französischen Trainers Robert Aubry und des damaligen Vorsitzenden des MTV, Robert Rheinstädter, war eine optimale Vorbereitung gewährleistet.

Die beiden Architekten der „Kreuznacher Turnschule“ verfolgten gemeinsam mit Kiefer die olympische Kür ihres Schützlings. Frey konnte seine anfängliche Nervosität ob der ungewohnt imposanten Kulisse schnell ablegen und turnte seine Übungen routiniert und souverän. Nach den Übungen mussten die Turner knapp eine Stunde auf die Verkündung der Ergebnisse warten. Kiefer beschrieb in einem Bericht für den Öffentlichen Anzeiger die Freude, welche die Kreuznacher Gruppe überkam, als über die Lautsprecher die Ergebnisse verkündet wurden: „Da standen uns die Tränen in den Augen, wir konnten vor Glück nicht sprechen.“ Der damals 26jährige Frey sicherte insgesamt drei Goldmedaillen, eine Silbermedaille und eine Bronzemedaille. Der einzige Athlet mit einer besseren Bilanz bei diesen Spielen war der legendäre amerikanische Sprinter Jesse Owens.

Verlorene Kriegsjahre

In seiner Heimat Bad Kreuznach bereitete man Frey einen triumphalen Empfang. Tausende Menschen säumten die Straßen, um ihren neuen Helden zu sehen. Mit dem neuen Prestige musste der als eher zurückhaltend beschriebene Frey erst einmal umgehen. Zumal der Erfolg auch politische Opportunisten anzog: Der Sport wurde sowohl von lokalen als auch von nationalen Funktionären der herrschenden NSDAP-Partei instrumentalisiert. Das Nationalsozialistische Regime benutzte die Olympischen Spiele 1936 vor allem als Plattform für ihre Propaganda. Die Sportler, welche zum Großteil nur ihrer Leidenschaft nachgehen wollten, konnten sich dieser Inszenierung nicht entziehen. So wurde Frey für Leni Riefenstahls berüchtigte Propagandadokumentation „Olympia“ gefilmt und trat 1937 auch der NSDAP bei.

Mit dem Beginn des 2. Weltkrieges zerschlugen sich die Hoffnungen der Athleten auf die ungestörte Ausübung ihres Sportes. Für Frey bedeutete der Krieg das Ende seiner Leistungssportkarriere. Für Jakob Kiefer hatte diese noch nicht einmal begonnen. Das Nachwuchstalent, dem man in Fachkreisen großes Potential bescheinigte, wollte eigentlich bei den Olympischen Spielen 1940 seinem Vorbild Frey nacheifern. Doch die Spiele wurden abgesagt. Kiefer wurde wie Frey und andere Turner der MTV-Riege in die Armee eingezogen. So traf Kiefer in Kriegsgefangenschaft auf seinen Vereinskameraden Heinz Schnepf. Dort verloren die Sportler ihre besten Jahre an den Krieg.

Die Renaissance der Kreuznacher Schule

In den Nachkriegsjahren wollten Kiefer und seine Kameraden unbedingt wieder an ihre Geräte. Doch die französische Besatzungsverwaltung erlaubte erst 1948 wieder die Gründung eines Vereines mit Turnabteilung, den VFL Bad Kreuznach. Dort reformierte sich eine talentierte Riege, die zu den besten Deutschlands gehörte. Dies zeigte sich besonders im Jahre 1950. Bei den deutschen Meisterschaften in Mönchengladbach konnte sich Kiefer sechs Titel an einem Tag sichern. Erinnerungen an die goldene Zeit vor dem Krieg wurden wach. Der Öffentliche Anzeiger berichtete am 25. April über den Empfang Kiefers in Bad Kreuznach: „Jakob Kiefer dankte in kurzen, bescheidenen und wohlgesetzten Worten allen, die ihm diesen Empfang bereitet hatten und die Ehrungen zukommen ließen; er brachte seine ehrliche Freude zum Ausdruck, als Kind unserer Stadt den Anschluss an die Leistungen Konrad Freys gefunden zu haben.“

Im September des gleichen Jahres war der Kreuznacher Oranienpark der Austragungsort eines großen Schauturnens der deutschen Meister. Für die Stadt war es eines der größten Spektakel seit dem Ende des Krieges. Unzählige Zuschauer säumten die im Park aufgebauten Geräte. Neben Kiefer waren mit Heinz Schnepf und auch zwei weitere VFL-Turner in die Riege berufen worden. Im Jahre 1952 konnte sich Jakob Kiefer doch noch seinen olympischen Traum erfüllen. Erstmals nach Kriegsende durften die deutschen Sportler wieder auf der großen Bühne auftreten. Der lange Ausschluss von Wettkämpfen auf höchstem Niveau und eine Verletzung sorgten dafür, dass sich Kiefer in Helsinki schwertat. Mit der Mannschaft schrammte er im Mehrkampf um nur drei Punkte an der Bronzemedaille vorbei. Vier Jahre später bekam der mittlerweile 36-Jährige in Melbourne eine letzte Chance auf olympisches Edelmetall. Doch wieder trennten die deutsche Riege drei Punkte von den Medaillenrängen. Nicht lange danach beendete auch Kiefer seine Karriere.

Zwei kuriose Begebenheiten

Nach dem Ende des Krieges war Konrad Frey bis zu seiner Pension Sportlehrer in Bad Kreuznach und blieb dem Turnsport weiterhin verbunden. Nach einer kurzen und schweren Krankheit verstarb Frey im Jahre 1974. Auch Jakob Kiefer wäre gerne Sportlehrer geworden. Allerdings ließen die materielle Situation nach dem Krieg und seine frisch gegründete Familie kein Studium in Köln zu. Deshalb kümmerte er sich um den turnerischen Nachwuchs und arbeitete als Angestellter im städtischen Archiv. Es birgt daher eine gewisse Ironie, wenn man das Kreuznacher Stadtarchiv besucht um dort über Kiefer zu recherchieren. Jakob Kiefer verstarb im Jahr 1991.

Es gibt zwei Begebenheiten, die die beiden Ausnahmeathleten der Kreuznacher Schule verbindet: Erstens ist nach den beiden Turnern jeweils eine Sporthalle in Bad Kreuznach benannt worden. Und zweitens waren sowohl Frey als auch Kiefer bei den Olympischen Spielen 1972 in München anwesend: Frey als Ehrengast des Olympischen Komitees und Kiefer als technischer Beobachter der Turnwettkämpfe. Ob sie sich dort über den Weg gelaufen sind, ist nicht überliefert. Aber 36 Jahre nachdem die Kreuznacher Delegation in Berlin den wahrscheinlich größten sportlichen Erfolg der Stadtgeschichte bejubeln konnte, repräsentierten Kiefer und Frey ihren Heimatort auch bei den bislang letzten in Deutschland ausgerichteten Sommerspielen.

Felix Schönbach