Digitale Hilfsmittel im Sport: Dr. Ronald Burger hielt beim Gesundheitssport-Special einen vielbeachteten Vortrag

„Fitnesstracker, Fitnessapp und Co. – wie gestalte ich ein gesundes Herzkreislauftraining mit den neuen digitalen Medien?“ So lautete der Vortrag von Dr. Ronald Burger (Mainz) beim SBR Gesundheitssport-Special. Wir unterhielten uns mit dem Trainingswissenschaftler und Gesundheitsberater über den Sport der Zukunft.

Dr. Ronald Burger beim Gesundheitsspecial "Fit mit Herz"

Herr Dr. Burger, ein fast unüberschaubares Angebot an digitalen Geräten zur Trainingsaufzeichnung, -steuerung und -auswertung ist auf dem Markt. Sind Trainer und Übungsleiter hier nicht überfordert?

Definitiv ist es nachvollziehbar, wenn sie das sind. Es vereinfacht aber die Suche enorm, wenn man weiß, was man will! Genügt es mir die allgemeine Aktivität zu registrieren, wie im Gesundheits- und Reha-Bereich, oder möchte ich in bestimmten Belastungs- oder Regenerationssituationen schon die Herzfrequenz kontrollieren. Als Trainer im Leistungssport ergibt sich auf einem hohen Niveau die Möglichkeit, physiologisch und biomechanisch belegt, den Trainingsprozess zu optimieren. Man kann mit überschaubaren Mitteln sein eigenes kleines trainingswissenschaftliches Labor aufbauen.

Welche Komponenten sollte ein digitales Trainingshilfsmittel auf jeden Fall besitzen?

Man sollte berücksichtigen, dass das, was gemessen werden sollte, so genau wie möglich auch gemessen wird. Bei einer Herzsportgruppe sollte die Herzfrequenz so genau wie möglich abgebildet werden. Für spätere Beurteilungen sollten die erhobenen Daten für den betreuenden Arzt beziehungsweise auch gut ausgebildeten Übungsleiter zugänglich sein. Das heißt, die dazugehörige Software oder eine Drittanbieter-Software sollte sowohl im Zugriff als auch in der Analyse ein paar Möglichkeiten aufzeigen.

Welchen unmittelbaren Nutzen sehen Sie in der Art der Trainingsunterstützung in unseren Sportvereinen?

Damit der Sportler seine Belastbarkeit besser einschätzen lernt, sollte es eine Feedback-Funktion geben. Das kann mit einer Livedarstellung aller aktuellen HF-Werte im Training geschehen. Aber auch außerhalb einer direkten Beeinflussung von körperlicher Arbeit auf die Herztätigkeit ist die Herzfrequenzkontrolle notwendig. Wenn man beispielsweise abnehmen möchte und adipös ist, gibt es zwei Problemfelder, die miteinander zusammenhängen: Bei kräftigen Personen, vorzugsweise auch Frauen, ist die Lymphtätigkeit eingeschränkt. Diese wird durch Laktatbildung noch verschlechtert und außerdem wird durch Laktat, welches durch die Belastung produziert wird, der Fettabbau eingeschränkt. Das heißt, dass ich mit einem HF-gesteuerten Training hier ganz gezielt, sowohl die Lymphtätigkeit ankurbeln und den Fettabbau unterstützen kann.

Aus Ihrem Vortrag wurde deutlich, dass die Entwicklung zu mehr Digitalisierung auch in einem breitensportorientierten Verein nicht mehr aufzuhalten ist. Wie sollten Ihrer Meinung nach die Sportorganisationen zum Beispiel in der Übungsleiter- und Trainerausbildung darauf reagieren?

Recht einfach: Nicht nur in der Theorie der Übungsleiterausbildungen auf das Herz und seine physiologischen Funktionen eingehen, sondern mit gezielten Theorie/Praxis-Einheiten auf der Basis relevanter Themen wie zum Beispiel Herzsportgruppen, Ausdauertraining, Abnehmen die Brücke zwischen Theorie und Praxis unter Einbindung beispielhafter Produkte erleben lassen.

Viele Geräte bieten heute medizinische Parameter, die bei den Nutzern zu falschen Schlüssen führen könnten, einfach weil Ihnen das nötige Grundwissen fehlt. Sehen Sie diese Gefahren auch?

Die Gefahr besteht vor allem auch auf Grund der Möglichkeiten, die sich dadurch ergeben, dass man sich ungehindert alle medizinischen, vor allem pathologisch orientierte, Informationen durch das Internet beschaffen kann. Daher ist es umso wichtiger, dass man einen guten Kontakt zu einem Arzt hat, der einem auf Augenhöhe begegnet und auch bereit ist, sich den laienhaft gestellten Fragen zu stellen. Dann wird es einen guten Austausch geben, und es werden weniger beängstigende Fehlinformationen kursieren.

Also, der Fitnesstracker oder die Fitnessapp ersetzen nicht den Sportmediziner?

Auf keinen Fall! Aber die Rollen von Arzt und Übungsleiter werden andere. Der Sportarzt akzeptiert den Übungsleiter als kompetenten Partner auf der präventiven Praxisseite. Da wird schnell neues Wissen auf beiden Seiten produziert. Da der Übungsleiter mit seinem Wissen auch Sicherheit gewinnt. Ich arbeite ja mit der Herzraten-Variabilität und da sind viele Mediziner noch mit überfordert, da sie ja nur den pathologischen und nicht immer den präventiven beziehungsweis proaktiven Teil dieser neuen Kennwerte erkennen. In dem Bereich haben wir noch viel zu tun!

Das Interview führte Wolfang Höfer.