Die Zerreißprobe

Der VfL 1848 Bad Kreuznach steht mitten in einem Reformprozess – Finanzierung wird auf neue Beine gestellt

Sport. Spiel, Freizeit - alles unter einem Dach. Der VfL Bad Kreuznach bietet rund 30 Sportarten an. Die vereinseigene Jahnhalle schlägt jährlich mit 100.000 Euro zu Buche. Foto: I. Mittler

Der VfL 1848 Bad Kreuznach hat sicherlich schon weniger stürmische Zeiten erlebt. Der rund 2.700 Mitglieder starke Traditionsverein der Kurstadt glänzt derzeit weniger mit sportlichen Erfolgen, als durch Schlagzeilen in den regionalen Medien, die ans Eingemachte gehen. Der Grund: Der Hauptverein hat sein Finanzierungkonzept völlig auf den Kopf gestellt.

 Das VfL-Präsidium zog damit die Reißleine, um einen finanziellen Kollaps zu verhindern. So sollen künftig alle 16 Abteilungen gleich behandelt werden. Zwölf Euro gibt`s noch für jedes Mitglied. Darüber hinaus anfallende Kosten müssen von den jeweiligen Abteilungen selbst aufgebracht werden. Ein Beschluss, der besonders in den wettkampf- und leistungssporttreibenden Abteilungen für Aufregung sorgte. Für VfL-Präsidentin Heike Bruckner ist dieser Schritt jedoch unumgänglich. Bis 2020 soll der Verein auf Kurs sein und im operativen Geschäft schwarze Zahlen schreiben. Mit einem Not- und Förderprogramm soll besonders den kostenintensiven Abteilungen unter die Arme gegriffen werden.

„Unsere Finanzlage ist nach wie vor gesund, aber wir müssen auf die Ausgabenbremse treten“, sagt Bruckner und tritt damit Verlautbarungen aus den eigenen Reihen entgegen, wonach dem VfL Bad Kreuznach die Insolvenz drohe

In den vergangenen Wochen und Monaten wurde die finanzielle Schieflage des VfL eher zufällig zutage gefördert. Nachdem die vereinseigene Jahnhalle und die Vereinsgasstätte „Pfeffermühle“ in den Jahren 2012 bis 2015 saniert worden waren, stand ein „Kassensturz“ an, der im Wesentlichen Folgendes offenbarte: Die Entwicklung der Übungsleiterkosten waren dem Hauptverein aus dem Blick geraten. Diese hatten sich in den vergangenen vier Jahren von 70.000 Euro auf 140.000 Euro verdoppelt. Wurden diese Gelder bisher aus der Kasse des Hauptvereins beglichen, gilt künftig die Devise: „Wer bestellt, bezahlt!“. Was in einigen Abteilungen zu einem Aufschrei und zu einer Zerreißprobe mit dem Hauptverein führte. Mannschaften wurden vom Spielbetrieb abgemeldet, in hastig einberufenen Abteilungsversammlungen erklärten Vorstände ihren Rücktritt. Austritte aus dem Verein wurden nicht mehr ausgeschlossen.

Zwischenzeitlich sieht die VfL-Präsidentin die Wogen etwas geglättet. In Planungsgesprächen stand das Präsidium den16 Abteilungen Rede und Antwort: „Das ging allen an die Substanz, es ging zum Teil emotional hoch her “, berichtet Bruckner. Umso mehr galt es, Zahlen sprechen zu lassen. Und diese sehen auch vor, so Bruckner, dass im laufenden Jahr der Hauptverein 60 Prozent der geplanten Abteilungsdefizite aus seinen Rücklagen begleicht. Außerdem sollen künftig über einen Fördertopf „Leistungssport“ zusätzliche Mittel bereitgestellt werden.

Bei allem Sparzwang steht laut Bruckner die hauptamtliche Geschäftsstelle, die von Elena Möller geführt wird, nicht zur Disposition. „Ein Verein in dieser Größe und Ausprägung zu führen, da ist das Ehrenamt auf professionelle Zuarbeit angewiesen. Besonders in Zeiten wie diesen “, sagt Bruckner.


Der VfL Bad Kreuznach in Zahlen

  • Der VfL Bad Kreuznach hat rund 2700 Mitglieder in 16 Abteilungen und ist damit der größte Verein in der Stadt und drittgrößte Verein im Rheinland.
  • Er bietet rund 30 Sportarten; Basketball, Hockey, Tennis, Hip-Hop, Kanu, Ringen und Leichtathletik werden leistungs- bzw. wettkampfsportorientiert angeboten.
  • Der Verein wirtschaftet jährlich mit rund 500.000 Euro. Davon werden knapp 50 Prozent aus Mitgliedsbeiträgen aufgebracht. Der Rest kommt im Wesentlichen aus Zuschüssen, Spenden, Sponsoring, Eintrittsgeldern und Pachterlösen.
  • Die größten Ausgabenposten sind die Jahnhalle (100.000 Euro), die Übungsleiterkosten (140.000 Euro) und die Geschäftsstelle mit hauptamtlicher Führung (100.000 Euro).
  • Der Monatsbeitrag für Erwachsene beträgt 12 Euro, für Kinder- und Jugendliche 9 Euro. Die Abteilungen Tennis, Hockey, Basketball und Kanu erheben zusätzlich Abteilungsbeiträge.

Denken, wie in der freien Wirtschaft

Für Dietmar Fischer, Diplom-Wirtschaftsingenieur im Sportmanagement, ist die derzeitige Situation des VfL Bad Kreuznach - wenngleich nicht in dieser Wucht - beispielhaft für viele Vereine dieser Größenordnung. Er fordert ein "Denken, wie in der freien Wirtschaft" (Lesen Sie hier seine Empfehlung).