Gold für den Edelsteinschleifer Bernd Cullmann - Teil 10 der Serie "Ruhmreiche Sportler"

Der bedeutendste Moment in der Karriere eines Sportlers ist nicht zwangsläufig das Überqueren der Ziellinie oder das Überreichen der Medaillen. Für Bernd Cullmann war es die überwältigende Rückkehr in seine Heimat Idar-Oberstein nach seinem größten Triumph, dem Olympiasieg 1960 in der 4x100 Meter Staffel. Auch heute ist Cullmann noch von der Erinnerung angetan: „Das war ein unglaubliches Erlebnis, es standen Tausende Menschen an der Straße und jubelten.“

Zwischen beiden Aufnahmen liegen 56 Jahre: Bernd Cullmann bei der Siegerehrung nach seinem Olympiasieg. Dass die Zeremonie damals so hektisch verlief, war ein Wermutstropfen für den Tiefensteiner. Aber noch heute denkt der Edelsteinschleifer gerne an seinen triumphalen Empfang in der Heimat zurück: Fotos: Archiv/F. Schönbach.

Am Anfang von Cullmanns Karriere stand nicht der Traum von sportlichen Heldentaten, sondern der Drang sich zu bewegen. Die Schule interessierte den jungen Bernd nur mäßig, wichtiger war es sich auszutoben. „Wenn meine Mutter mich einkaufen schickte, sah man mich nie gehen. Ich bin immer nur gerannt“, erzählt der Sohn eines Edelsteinschleifers aus seiner Kindheit in der Nachkriegszeit. Armut und Arbeit prägten das Leben, Bewegung war eine Form der Ablenkung: „Mein Vater verbot mir das Fußballspielen, weil ich immer die Schuhe zerfetzte und er kein Geld hatte, um neue zu kaufen. Ich spielte trotzdem heimlich.“ Zur Leichtathletik kam der aus Tiefenstein stammende Cullmann durch Zufall und blieb, weil er talentiert, ehrgeizig und erfolgreich war.

Ein sportlicher Autodidakt startet durch

Cullmann war ein sportlicher Autodidakt. Beruflich trat er als Edelsteinschleifer zwar in die Fußstapfen des früh verstorbenen Vaters, doch die Familie konnte ihn kaum unterstützen. Einen Trainer hatte er in der Jugend nie. „Ich kam von der Werkstatt direkt nach Hause und konnte es kaum erwarten auf den Platz zu kommen und loszurennen“, beschreibt der Leichtathlet seine damalige Trainingsmethode. Einen Förderer möchte der Tiefensteiner dennoch erwähnen: Viktor Schank, wie Cullmann Edelsteinschleifer und ehemaliger Leichtathlet, verfolgte vom Rand der Aschenbahn den Werdegang des Sprinters. Als Cullmann 1959 erstmals an den Deutschen Meisterschaften teilnahm, wünschte ihm Schank beim Abschlusstraining viel Glück und drückte ihm 50 Mark in die Hand, was den damals 19-Jährigen tief beeindruckte: „Das war damals viel Geld. Diese stillen Begleiter geben einem mehr Kraft als diejenigen, die dir den ganzen Tag hinterherlaufen und nur ‚Hurra‘ rufen.“

Ein Knackpunkt in Cullmanns Karriere war die Teilnahme am renommierten Koblenzer Abendsportfest 1959. Als Rheinländer bekam er die Chance, sich im 100 Meter-Rennen mit den besten Läufern Deutschlands zu messen. Er beendete das Rennen hinter dem späteren Sprintstar Armin Hary als Zweiter. Nach dem Wettkampf fragten ihn zwei Konkurrenten vom ASV Köln, Manfred Germer und Martin Lauer, ob er nicht zu ihnen in den Verein wechseln wolle: „Das waren meine absoluten Vorbilder.“ Ein Mitglied des ASV nutzte seine Kontakte, um Cullmann in Köln einen eigenen Arbeitsplatz als Edelsteinschleifer einzurichten. So trainierte er über den Winter in idealen Bedingungen mit der deutschen Spitze. Prompt verbesserte er seine Bestzeit und gewann auf Anhieb die Deutschen Hallenmeisterschaften im Frühjahr 1960. Erstmals konnte sich der damals 20-Jährige leise Hoffnungen auf die Olympischen Spiele machen.

Olympiateilnahme am seidenen Faden

Dass sich diese Hoffnung erfüllte, hatte Cullmann zwei plötzlichen Heilungen zu verdanken. Vor den Deutschen Meisterschaften plagten ihn Knieschmerzen. Keiner entdeckte das Problem, der Sprinter konnte fünf Wochen nicht trainieren: „Ich sah die anderen im Stadion laufen und durfte nicht. Das war schlimm.“ In einer Kurzschlussreaktion packte er seine Sachen und fuhr in die Heimat, der Traum von Rom schien geplatzt. Als seine Mutter ihn überraschend vor der Tür stehen sah, überredete sie ihren Sohn, noch einmal das Krankenhaus aufzusuchen. Dort diagnostizierte der Arzt eine Entzündung und gab Cullmann eine Cortison-Spritze - um den Start bei den Meisterschaften zu ermöglichen sogar die doppelte Menge. Eine Woche vor dem Wettkampf kehrte Cullmann wieder auf die Bahn zurück, um sich langsam zu belasten. Das Knie hielt. Trotz Trainingsausfall wurde er Meister mit der Staffel, Vize-Meister über die 100 Meter und Vierter über 200 Meter.

Ein Ende der Pechsträhne war trotzdem nicht in Sicht. Vor den wichtigen Ost-West Ausscheidungen schmerzten die Zähne. Mit geschwollenem und blutendem Kiefer nach einer misslungenen Operation war eine gute Leistung aussichtslos. Auf dem Weg zum Stadion wäre er fast zusammengeklappt, beim Aufwärmen schmerzte jeder Schritt. Doch 20 Minuten vor dem Start wendete sich das Blatt durch einen Schweißausbruch. Plötzlich waren die Schmerzen verschwunden und Cullmann wie ausgewechselt: „In diesem Rennen war ich das erste und letzte Mal in meinem Leben bei  50 Metern vor Armin Hary. Die letzten 10 Meter hab ich Sterne gesehen, da war der Ofen aus.“ Er rettete sich auf Platz vier, die Olympiaqualifikation für die Staffel war geschafft. Die überraschende Leistung erklärt sich Cullmann mit einem Adrenalinschub. Rückblickend spricht der Tiefensteiner von einem ‚seidenen Faden‘, an dem die Olympiateilnahme hing: „Es war wie ein Geschenk, das von irgendwo herkam.“

Der beste Lauf des Lebens

In den drei Wochen zwischen der Ost-West Ausscheidung und dem Beginn der Spiele bereitete sich Cullmann in Frankfurt mit seinen Staffelkollegen Armin Hary, Walter Mahlendorf und Martin Lauer auf den Wettkampf vor: „Das war meine beste Zeit, ich war so gut drauf wie niemals zuvor und danach.“ Trotzdem wollte der Deutsche Verbandschef im Olympischen Dorf noch eine Vorausscheidung rennen lassen. Das wollte sich der frischgebackene Olympiasieger Hary nicht bieten lassen: „Hast du Mäuse auf dem Speicher? Wenn der Bernd mir den Stab nicht bringt, lauf ich nicht!“ Darauf konnte der Verbandschef nichts erwidern. Schon im Vorlauf egalisierten die Deutschen den Weltrekord und erreichten zeitgleich mit den favorisierten US-Amerikanern das Ziel. Im folgenden Zwischenlauf litt Cullmann unter der drückenden Schwüle, die Staffel erreichte dennoch das Finale. Kurz bevor die Athleten das Olympische Dorf Richtung Finale verließen, verdrängte ein Sommergewitter die stickige Hitze aus Rom: „In dem Moment hätte ich schreien können, denn mir war klar: Jetzt kann mir keiner mehr etwas.“

Die Atmosphäre im Stadio Olimpico war angespannt. Das italienische Publikum stand gegen die Hegemonie der amerikanischen Staffel, welche zuvor acht Goldmedaillen in Folge gewonnen hatte. Cullmann musste als Startläufer gegen den Bronzemedaillisten Redford antreten: „Ich habe den besten Lauf meines Lebens hingelegt und Armin Hary noch vor Redford den Stab übergeben.“ Hary baute den Vorsprung aus, doch zum Ende überholten die Amerikaner den deutschen Schlussläufer Lauer kurz vor der Ziellinie. Cullmann und seine Kollegen freuten sich erstmal über die Silbermedaille. Gleichzeitig merkten sie, dass etwas nicht stimmte. „Da war alles so still und die Amerikaner wirkten so betreten“, erinnert sich Cullmann an die quälend langen zwölf Minuten zwischen dem Zieleinlauf und der Durchsage des Stadionsprechers: „Primo: Germania!“ Plötzlich explodiert im Stadion der Jubel. Cullmann war überwältigt: „Den Moment, wenn 80.000 Kehlen einen Schrei loslassen, vergesse ich nicht!“

Verletzungspech und Anekdoten

1960 blieb ein goldenes Jahr für Cullmann. Bei den deutschen Hallenmeisterschaften gewann er und soll dabei einen inoffiziellen Weltrekord über 60 Yards eingestellt haben. Danach konzentrierte er sich vorerst auf Familie und Beruf. 1964 wollte er es noch einmal wissen und sich für die Olympischen Spiele in Tokio qualifizieren, doch eine Verletzung machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Als er ein Jahr später bei Berno Wischmann in Mainz eine Ausbildung als Sportlehrer begann, war seine sportliche Karriere im Alter von 25 Jahren bereits beendet. Ein weiteres olympisches Erlebnis war Cullmann dennoch vergönnt: Bei den Spielen 1972 in München wurde er neben Legenden wie Schmeling, Owens und Zátopek in das Olympische Dorf eingeladen. Dort genoss er die wunderbare Atmosphäre der Spiele. Zumindest bis zur Geiselnahme der israelischen Sportler. Diese erlebte er zwar nicht direkt, nahm aber sehr wohl die gedämpfte Atmosphäre wahr.

Auch aus seinem Beruf als Edelsteinschleifer hat Cullmann eine Menge Anekdoten zu erzählen. Zum Beispiel als er in London sein Handwerk einer begeisterten Adligen vorführte. Diese lud ihn als Revanche zu einem Opern-Picknick ein und servierte ein Festmahl. Für den passionierten Opern-Fan eines der schönsten Erlebnisse seines Lebens. Natürlich neben dem Heimatempfang nach den Olympischen Spielen. Betriebe und Schulen hatten damals geschlossen um ihren Olympiasieger zu sehen, auf Schildern stand geschrieben: „Unser Bernd hat Gold“. Ein Autokorso geleitete ihn durch die jubelnde Menge vom Ortskern zu seinem Heimatsportplatz in Tiefenstein. „Meine Wangen waren vor lauter Lächeln verkrampft, ich konnte nicht mehr lachen“, erinnert sich Cullmann amüsiert an die Prozession. Um sich bei Idar-Oberstein für dieses Erlebnis zu bedanken, vermachte der Tiefensteiner zu seinem 75. Geburtstag seiner Heimatstadt die Goldmedaille. Dort ist sie im Rathaus ausgestellt.

Felix Schönbach